Soziales Engagement
An den Klosterschulen Offenburg ist soziales Engagement für uns kein bloßes Lippenbekenntnis, sondern ein lebendiger und zentraler Bestandteil unseres Schulalltags. Getragen von der traditionsreichen augustinischen Tradition und den Werten unserer Gründerinnen – geprägt durch das Lebensmotto des heiligen Pierre Fourier „Allen nützen – niemand schaden“ – legen wir an unserer Mädchenschule großen Wert darauf, den Blick für unsere Mitmenschen und auch für die Schwächeren in der Gesellschaft zu schärfen.
Soziales Engagement im alltäglichen Miteinander
Verschiedene Initiativen im regulären Schulalltag führen den Schülerinnen vor Augen, dass Bildung an den Klosterschulen weit über den Unterricht hinausreicht und wir im Sinne unserer augustinischen Wurzeln aktiv Verantwortung für eine gerechtere Welt übernehmen wollen:
- Schülerinnen helfen Schülerinnen: Unsere älteren Schülerinnen engagieren sich als Mentorinnen und helfen als Patinnen den Fünftklässlerinnen beim Einleben oder bieten Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe an.
- Soziale Arbeitsgemeinschaften: In verschiedenen AGs, wie der 100-Prozent-Mensch-AG oder der UNESCO-AG, haben wir in den vergangenen Jahren immer wieder Aktionen initiiert, die das soziale Miteinander an unserer Schule stärken.
- Solidarität über unsere Schulgrenzen hinaus: Unser Engagement endet nicht am Schultor. Regelmäßig organisieren wir Spendenaktionen, Basare und Benefizkonzerte. Die Erlöse lassen wir regionalen sozialen Projekten (wie der Offenburger Tafel) sowie weltweiten Hilfsprojekten zukommen.
Herzstück unseres sozialen Engagements: Sozialpraktikum „Compassion“ an der Klosterschule Offenburg
Ein besonders wichtiger Baustein unseres sozialen Lernens ist das sogenannte „Compassion“-Projekt. Im Rahmen dieses Sozialpraktikums verlassen die Schülerinnen in der Oberstufe für zwei Wochen die Schule, um in sozialen Einrichtungen mitzuarbeiten. In Altenheimen, Behindertenwerkstätten, Kindergärten oder Krankenhäusern lernen sie, Verantwortung zu übernehmen und sammeln wertvolle Erfahrungen, die viele von ihnen ein Leben lang prägen.
Was ist das Sozialpraktikum „Compassion“?
Das Sozialpraktikum Compassion ist seit dem Jahr 2000 ein fester Bestandteil des Schullebens der Klosterschule Unserer Lieben Frau in Offenburg. Den damaligen Initiatorinnen des Sozialpraktikums, Rita Makarinus und Angelika Monteil-Streif, war es ein Herzensanliegen, mit dem Sozialpraktikum Compassion mehr als nur ein wenig mehr Mitleid in den Schulalltag und in das Leben der Schülerinnen einzubringen. Das Hauptziel des Praktikums besteht darin, dass Schülerinnen in sozialen Einrichtungen praktische Erfahrungen sammeln und Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen auf Augenhöhe begegnen.
Compassion: Begegnung auf Augenhöhe
Im Zentrum dieser Begegnungen steht dabei die christliche Kernbotschaft: Gott wird in Jesus Mensch und will uns als Mensch auf Augenhöhe begegnen und an unserem Leben Anteil nehmen. Wenn wir uns von dieser Begegnung auf Augenhöhe berühren lassen, dann will uns Gott ebenso dazu ermutigen, unseren Mitmenschen, auch gerade den uns fremden, herausfordernden und fernstehenden, auf Augenhöhe zu begegnen. In diesen persönlichen Begegnungen entwickeln Schülerinnen Empathie und übernehmen Verantwortung für andere. Das Sozialpraktikum Compassion bietet also unseren Schülerinnen, aber auch den begleitenden Lehrerinnen und Lehrern die Möglichkeit, dem Mitmenschen in ungewohnter Lebensumgebung, in herausfordernden Lebensumständen auf Augenhöhe zu begegnen.
Compassion: Förderung der persönlichen Entwicklung
Doch die Begegnung auf Augenhöhe erfordert nicht nur einen Perspektivwechsel, sondern auch einen Ortswechsel. Ich verlasse mein vertrautes Umfeld der Offenburger Klosterschule, meines Zuhauses, meines Horizonts und suche eine soziale Einrichtung als Lernort auf, in der ich ganz konkreten Menschen, ihren Schicksalen und besonderen Lebenslagen begegne. Hier in der jeweiligen Einrichtung lasse ich mich von körperlicher Gebrechlichkeit, von vielfältigen Handikaps, von sozialer Not und schwierigen Lebensfragen herausfordern und begegne dabei in erster Linie nicht einem Lerninhalt, sondern einem unbekannten, bisweilen fremden Menschen, auf den ich zugehe. Ich lasse mich von seiner Lebenssituation berühren, nehme Anteil an ihr und oft verändert dieses Einlassen auf den anderen meine Sichtweise, sie bereichert meinen Erfahrungsschatz und eröffnet mir neue Zugänge zur Lebenswirklichkeit. Hierbei ist von den Schülerinnen nicht nur viel Offenheit und Eigenaktivität gefordert, sondern auch ganz unterschiedliche und im Schulalltag oft verborgene Talente kommen im Laufe des Praktikums zum Vorschein und Einsatz.
Compassion: Was Schülerinnen im Sozialpraktikum erleben?
Auch wenn es im Laufe der Jahre immer wieder zu Veränderungen in der Durchführung dieses Praktikums und der Reflexion kam, sind die obigen Kernanliegen nach wie vor die zentralen Säulen des Sozialpraktikums in der Klosterschule Unserer Lieben Frau in Offenburg. Um sich konkretere Vorstellungen über die Erfahrungen und Lernprozesse der Schülerinnen verschaffen zu können, sollen hier einige Schülerinnen zu Wort kommen. Diese gewähren uns sowohl in den Ausschnitten ihrer Praktikumsberichte als auch in den Produkten der kreativen Schreibwerkstatt besondere Einblicke in ihre gesammelten Praktikumserlebnisse.
Compassion: Was nehmen Schülerinnen aus dem Sozialpraktikum mit?
Im Rückblick auf die vielseitigen positiven Erfahrungen unserer Schülerinnen mit dem Sozialpraktikum Compassion bin ich froh und dankbar, dass zwei mutige Kolleginnen das Sozialpraktikum vor über 25 Jahren an der Klosterschule Unserer Lieben Frau in Offenburg verankert haben. Den eigenen Horizont zu erweitern, anderen Menschen in bisher unbekannten Lebenslagen zu begegnen, die Verantwortung und Empathiefähigkeit der Schülerinnen zu stärken und sich selbst neu kennenzulernen sind nicht nur Lernerfolge, sondern besondere Erfahrungen, die das Leben bereichern.
Erfahrungsberichte der Schülerinnen
Ausschnitt aus einem Praktikumsbericht: Compassion Klosterschule 2009 / 2010
„Ich habe gelernt, mir nicht am Anfang zu sagen: Ich habe Angst vor allem, was kommen kann, sondern ich habe gelernt, mit Freude immer neuen Erlebnissen entgegen zu gehen. Ich traue mir nun viel mehr zu und sage nicht mehr sofort zu allem Neuen: Nein.“
(Schülerin des Compassion-Jahrgangs 2009/10)
Ausschnitt aus einem Praktikumsbericht: Compassion Klosterschule 2013/14
„Am stärksten hat mich die Auslieferung der Waren an die Bedürftigen, die nicht mehr ihre Wohnung verlassen können oder wollen, beschäftigt. Es waren hauptsächlich alte, alleinstehende Frauen, denen wir eine Kiste mit Lebensmitteln nach Hause brachten. Viele von ihnen freuten sich, als wir kamen und auch darüber, dass wir ein bisschen mit ihnen redeten. Es tat mir leid, dass wir bald weitergehen mussten, um auch die anderen rechtzeitig zu beliefern. Man fragt sich dann auch, ob man selber irgendwann so enden könnte.“
(Schülerin des Compassion-Jahrgangs 2013/14)
Text aus der Schreibwerkstatt: Compassion Klosterschule 2017/18
„Musik erklingt aus dem Radio. Ich erkenne, wie der Rhythmus und die Melodie die Bewohner erreichen. Das Lachen in ihren Gesichtern erfüllt mich. Sie erinnern sich an ihre jungen Zeiten. Einige lassen sich mitreißen und bewegen sich im Takt der Musik. Auch wenn keine Tanzformen erkennbar sind, es spielt keine Rolle. Die Bewohner, die sich noch bewegen können, tanzen zusammen und sehen, wie glücklich sie sind, und fühlen sich einmal im Leben wieder jung. Die anderen klatschen und singen, bewegen, was noch mobil ist, und denken seit langem nicht mehr über all die Schmerzen und Lasten ihres Lebens nach. Die Pfleger, die ganz verwundert von der neuen Stimmung sind, schmunzeln und machen lachend mit. Solche Momente machen das Leben wieder lebenswert.“
(Schülerinnen des Compassion-Jahrgangs 2017/18)
Text aus der Schreibwerkstatt: Compassion Klosterschule 2018/19: Eine Schülerin versetzt sich in die Rolle einer Heimbewohnerin:
„Heute ist alles gleich und doch etwas anders. Heute ist eine dabei, `ne Neue, die sagen sie, sei Praktikantin.
Sie ist noch jung, gerade mal 16 Jahre, das waren noch Zeiten damals. So lange her, so viel ist passiert und nun bin ich hier. Tag ein, Tag aus in diesem Altenheim. Nie hätte ich gedacht, dass ich mal hier landen würde. Doch so isch´s halt. Hier bin ich zwischen Anna, die im einen Moment rumbockt und alle beleidigt, sich im nächsten Moment überschwänglich bei allen bedankt, zwischen Heinrich, den die anderen ständig aufziehen, zwischen Maria, die eigentlich noch alles selber macht, und all den anderen seltsamen Kreaturen.
Sie sind verwirrt, dement, gebrechlich, nervig und manchmal ganz niedlich. Wir machen dies, machen das. Immer etwas Anderes und doch immer dasselbe. Sie wecken uns, waschen uns und ziehen uns an. Es gibt Frühstück, schon zwei Stunden später wieder etwas zu Mittag und dann stecken sie uns ins Bett. Manchmal, wenn ich Glück habe, kommt mich jemand besuchen, aber die haben ja auch alle ihren eigenen Kram zu tun. So wie die Schwestern. Ich sag, ich brauch´ Hilfe und dann sind da noch mindestens fünf andere, die den gleichen Anspruch haben. Die Praktikantin darf so etwas eigentlich sowieso nicht machen. Aber nett isch sie, des hab´ ich ihr gestern gesagt, da hat sie sich gefreut, die Süße. Wir waren spazieren und erzählt hat sie ein bisschen von sich, ich dann auch. Ich bin alt, hab´ viel erlebt, doch wissen tu ich nicht mehr alles. S´ ist gut mit den Jungen. Das erfrischt den Geist. Allerdings geht sie bald wieder zurück in die Schule. Zwei Jahre hat sie da noch, dann ist sie fertig und verschwindet in der großen weiten Welt. Ich hab´ ihr gesagt, sie soll wiederkommen, uns mal besuchen. Mal schauen, ob sie´s macht oder ich dann überhaupt noch da bin. Vielleicht hat er mich bis dahin auch schon nach oben zu sich geholt.“
(Schülerin des Compassion-Jahrgangs 2018/19)
Text aus der Schreibwerkstatt: Compassion Klosterschule 2025/26:
„Ich hatte Angst vor dem Praktikum, da die Schülerin, die letztes Jahr in meiner Einrichtung war, erzählt hat, dass sie beleidigt wurde von den Menschen dieser Einrichtung. Am ersten Tag ging ich also voller Angst und ohne eine Idee, wie es werden würde, zu meiner Praktikumsstelle. Ich bekam eine Führung durch die verschiedenen Hallen und spürte die neugierigen Blicke auf mich: Meine Abteilung war der Beruf-Bildungs-Bereich (BBB) und wurde von meinem Team mit offenen Armen begrüßt und direkt in Gespräche verwickelt. In der ersten Stunde war auch direkt die morgendliche Besprechung mit allen Gruppenleitern. Dort wunderte ich mich über die vielen Menschen, die Urlaub für einen Tag nahmen oder versuchten zu kommen. Nach der Besprechung wurde ich an die Arbeit für Tesa eingesetzt: also zuerst Karton öffnen, Tüte herausnehmen und den Inhalt in 10er Stapel gruppieren, das Ganze in andere Tüten packen und schließlich in einen neuen Karton einfügen … Für uns ist das eine leichte und langweilige Arbeit, doch die Menschen dort haben psychische Krankheiten wie ADHS, Borderline-Syndrom, Depressionen oder verschiedenen Suchtkrankheiten, welche die Arbeit behindern. Dort ist es üblich, dass Menschen einschlafen oder innerhalb von 4 Stunden nur 4 Kartons richten können. Ich spürte schnell, wie gehetzt ich normalerweise arbeite und begann meine Bewegungen zu entschleunigen. Am ersten Tag führte ich viele Gespräche mit vielen verschiedenen Menschen und merkte kein einziges Mal, dass sie „anders“ sind. Am Ende des ersten Tages fühlte ich mich, als arbeitete ich dort schon 10 Jahre. Die kommenden Tage wurde ich immer mehr ein Teil der Gemeinschaft. Ich mochte die Atmosphäre, die dort herrschte, und das gute Miteinander. Ich bekam Einblicke in das frühere Leben der Menschen und bekam von 2 Menschen ihre Geschichte erzählt, weshalb sie dort sind. Ich stellte mir oft die Frage, wieso die Welt zu manchen Menschen so gemein ist und wie ich reagieren würde. An meinem letzten Tag spürte ich die getrübte Stimmung. Doch die Menschen nutzten diesen Tag, um mir viel Erfolg weiterhin zu wünschen und das Team sagte mir offen, wie traurig sie sind und sich wünschten, dass ich dableiben würde.
Ich ging in dieses Praktikum mit Angst und verließ es voller schöner Momente, guten Ratschlägen und einem schweren Herzen.
(Schülerin des Compassion-Jahrgangs 2025/26)
Ansprechperson
Martin Feißt
Verantwortlicher Lehrer für das Sozialpraktikum Compassion an der Kosterschule Offenburg



